Deutsche Debatte – von Hochschulwatch bis zur Max-Planck-Gesellschaft
Hochschulwatch ist ein Projekt von Transparency International Deutschland, der taz und dem freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften. Die in Deutschland aufkommende Diskussion um das Verhältnis Wissenschaft-Wirtschaft steht im Zusammenhang mit unklaren finanziellen Perspektiven für die Universitäten.
„Denken und handeln Universitäten immer stärker nach übertriebenen ökonomischen Prinzipien? Orientieren sich Wissenschaftler zu oft an kurzatmigen Förderprogrammen? Und ist die Kooperation mit außeruniversitären Einrichtungen und der Industrie noch im Lot?“
Diese Fragen stellt Ende Februar auch eine Podiumsdiskussion an der Technischen Universität Darmstadt in den Raum. Ihr Präsident Hans Jürgen Prömel verlangt, es müsse die Entwicklung gestoppt werden, dass Exzellenzprojekte der Universitäten nach Ablauf der Förderung in außeruniversitäre Einrichtungen überführt und dort finanziell langfristig abgesichert werden. Dadurch könnten Universitäten ausbluten und die Besten verlieren.
Die deutsche Diskussion passt in die Zeit. Auch wenn die finanziellen Summen, mit denen deutsche Spender oder Unternehmen in der Wissenschaft aktiv sind, Lichtjahre von den Beiträgen amerikanischer Förderer entfernt sind. So sind die Motive, die die US-Investitionen und die deutschen Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft kritisch zu reflektieren beginnen, ähnlich.
Der Tendenz nach hat die New York Times vor einem Jahr eine mit Hochschulwatch vergleichbare Aussage getroffen. Der Beitrag von William J. Broadmarch zeichnet beispielhaft nach, wie „Großinvestoren“ die US-Forschung entdeckt haben. Die fehlende Balance zu ausgleichenden staatlichen Mitteln macht dem Autor buchstäblich Angst. Der Titel des Beitrages fällt deshalb provokant aus: “Billionaires with big ideas are privatizing American Science“.
Keinen Pauschalverdacht formulieren
Hochschulwatch regt in jedem Fall an, das konstatiert auch der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler. Er warnt aber vor einem Generalverdacht, unter den das Engagement der Industrie gestellt werde. Gleichwohl deutet er auch an, dass Transparenz wichtig sei, um den Freiraum Wissenschaft zu erhalten.
Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, verweist grundsätzlich auf gut funktionierende Stiftungslehrstühle, die die Wirtschaft finanziere. Eine größtmögliche Transparenz ist ihm jedoch ebenso wichtig, um Mittelflüsse nachvollziehbar zu machen.
Die Regierungspolitik relativiert die Diskussion: „Wenn die Wirtschaft ihr Engagement an den Hochschulen in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat, stimmt die Richtung zwar. Gemessen an den jährlichen Gesamtkosten der Hochschulen von rund 30 Milliarden Euro läge ein wirklich angemessener Beitrag aber deutlich höher."
Darauf machen der bildungs- und forschungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Albert Rupprecht, und die für das Deutschland-Stipendium zuständige Berichterstatterin und Parteikollegin Sybille Benning aufmerksam. Und sie gehen weiter und fordern ein noch größeres Engagement der Unternehmen bei der Finanzierung der Hochschulen. "Wer bestellt, bezahlt. Das gilt ganz selbstverständlich im Berufsbildungssystem. Die Betriebe stellen Lehrlinge ein und finanzieren deren Ausbildung. So sorgen sie für Fachkräftenachwuchs in ihren Berufszweigen. Je mehr Akademiker die Unternehmen einstellen, umso mehr müssen sie auch die Kosten für das Hochschulsystem mittragen.“
Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, beklagt auch, dass die Wirtschaft noch zu wenig in wissenschaftliche Einrichtungen wie Hochschulen investiert. Er sagt in einem seiner ersten Interviews als neuer Präsident vor einem knappen Jahr: „Die Bereitschaft der Industrie, in derartige Think Tanks zu investieren, ist heute leider äußerst gering. Dabei zeigen Beispiele wie die berühmten Bell Labs in den USA, wie erfolgreich und profitabel das auch für die Industrie sein kann.“
Unterstützung kommt auch vom SV, dem Mittler zwischen den Welten der Wissenschaft und Wirtschaft. Mathias Winde, Leiter des SV-Programmbereichs Hochschulpolitik und –organisation, sieht sogar einen regelrechten Handlungsdruck. „Die Wirtschaft muss wieder stärker an die Hochschulen herangeführt werden. Obwohl Unternehmen ihre Forschungsetats in den letzten Jahren kräftig aufgestockt haben, profitieren Hochschulen weit unterdurchschnittlich von diesen Geldern. Zwar stiegen die Drittmitteleinnahmen aus der Wirtschaft in den letzten Jahren stetig, doch dies verdeckt, dass immer mehr Forschungsmittel aus deutschen Unternehmen ins Ausland fließen.“
Ein Blick zurück in die USA. Die Purdue University, West Lafayett Indiana, pflegt enge Beziehungen zu ausgewählten Unternehmen. Im vergangenen Jahr wurde die Partnerschaft mit dem Autobauer Chrysler amerikaweit diskutiert, weil viel Geld im Spiel ist.
Suresh Garimella, Purdue’s Chief Global Affairs Officer, sagt: “The announcement we are making is about a good number of projects that we’ll be doing in relatively deep research for Chrysler in areas of their need”. Die 1,2 Millionen Dollar fließen von Chrysler, “in hopes of enhancing the company’s manufacturing process”. Der Global Affairs chef unterstreicht: “There is also hope for opportunities for the people of Purdue and Chrysler”.
Auch Purdue hat ein Regelungswerk entabliert. Im Corporate Partnership Grundsatz heißt es: “Purdue is committed to developing partnerships that provide companies with opportunities for collaborations in research and education, faculty sabbaticals, reverse sabbaticals, student internships and coops, targeted student recruitment of domestic and international students sponsorship of research projects. In addition, these partnerships may include licensing of Purdue Intellectual Property, connecting to Purdue Research Park (start-up incubator), Discovery Park (translating research to commercialization) and Indiana businesses.”
Third Generation University
Unter dem Begriff der Third Generation University entwickeln vor allem jüngere Universitären weltweit ihr anwendungsnahes Profil. Sie befähigen ihre Studierenden, mit Kompetenzen für die Arbeitsmärkte der Zukunft attraktiv zu sein.
In einer Verwertung der durch die Forschung gewonnenen Erkenntnisse liegt das wesentliche Merkmal dieser Hochschulstrategie. Grenzlinien zwischen Freiraum und Einfluss spielen immer eine Rolle. Einer der Väter des Begriffs ist Johann G. Wisema, Professor Emeritus of Innovation and Entrepreneurship der Delft University of Technology, Niederlande.
Wisema kennt den akademischen Konflikt, sieht aber keine Alternative. Denn die Überführung des originären Wissens in die Anwendung werde zu einem Erfolgskriterium. Das setze eine enge Kooperation von Industrie und Wissenschaft voraus.
Wisemas 2009 erschienenes Buch „Towards the Third Generation University. Managing the University in Transition“ ist das Modell, an dem sich unter anderem die private nonprofit Universidad EAFIT (Gründung 1960) in Medellin, Kolumbien, orientiert.
Auf der Going Global 2014 in Miami beschreibt Maria Wolff Lopez, Leiterin des Internationalen Büros der Universität, die mit dem Grundsatz der Third Generation verbundenen Chancen. Ihre Universität habe sich erfolgreich für diesen Weg entschieden.