Weiter attraktiv für Forscher und Studierende
Auch wenn zunehmend US-Not-for-Profit-Einrichtungen in Bedrängnis gerieten, Fusionen oder gar Insolvenzen künftig auch zunehmen würden, so steht für Altbach fest: „Nach wie vor rekrutiert das US-System in ausreichendem Maße internationale Forscher und Studierende.“ Und die USA hätten gegenüber Deutschland manche Vorzüge, die trotz der zurückliegenden Erfolge rund um die Exzellenzinitiative nicht ausgeblendet werden dürften.
Atlbach: „Das US-System ist in der relevanten Spitze absolute Weltklasse. Die Mobilität der Studierenden zwischen Institutionen ist hoch.“ Und die einzelnen Colleges, Universitäten und Forschungseinrichtungen seine in der Lage, ihre Profile klar zu entwickeln und ihre Zielgruppen effektiv anzusprechen.
Wenn der Riese aufwacht, wird es für den Rest eng
Auf der NAFSA 2015 und im Kolloquium „CIHE 20th Anniversary“, beides in Boston, geht Altbach noch weiter: „Wenn die US-Einrichtungen wirklich aufwachen und die Internationalisierung ernst nehmen, dann gerät der Rest der Welt in ernste Schwierigkeiten.“ Gemeint ist die Tatsache, dass die USA immer noch mit ihrer Attraktivität als Studien- und Forschungsstandort wuchern können.
Gemessen an ihren Rekruting- und Marketing-Möglichkeiten agierten die USA laut Altbach sogar vergleichsweise moderat. Das Land stellt nach wie vor für die Ausbildung von jungen Talenten nicht genügend öffentliche Mittel zur Verfügung. Es werbe aber immer noch mit großem Erfolg die dann Guten an, wenn sie leistungsfähig sind. Und viele blieben im Land.
Auf dem NAFSA-German Participants Morning des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, einem Briefing-Format für die deutschen Hochschulvertreter, analysiert der Bostoner Hochschul- und Wissenschaftsforscher das US-System. Die Top-Universitäten gehörten zu den sechs besten der Welt. Und die Mehrheit der World-Top 100 seien US-Institutionen. Die großen privaten Forschungsuniversitäten seien insgesamt in guter Verfassung. Hingegen litten die großen öffentlichen Forschungsuniversitäten. Über den Rest des Systems macht sich Altbach keine Illusion: „Öffentlich wie private stecken in großen Schwierigkeiten.“ Genau in diesem Umstand, zwingend neue Studierendengruppen und damit Finanzierungsquellen zu erschließen, sieht Altbach für den „Rest der Hochschulwelt“ düstere Wolken aufziehen.
Deutsche Auslandslust schwindet
Die amerikanische Situation könnten sich deutsche Hochschulen zu Nutze machen. Horrende Studiengebühren dort und ein reformfreudigeres deutsche System mit sympathischem Landesimage hier böten Chancen. Doch aktuelle Zahlen zeigen, dass die bisherige Linie reflektiert werden muss.
Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft (SV) und die Unternehmensberatung McKinsey legen ihren „Hochschul-Bildungs-Report 2020“ vor. Demnach nutze Deutschland zu wenig das Arbeitsmarktpotenzial ausländischer Studierender. Es gebe an deutschen Hochschulen einerseits „immer mehr junge Menschen mit ausländischen Wurzeln“. Andererseits würden 41 Prozent von ihnen das Studium wieder abbrechen. Und von den erfolgreichen Absolventen bleiben – so der SV – nach Studienabschluss nur rund 44 Prozent in Deutschland. Dies sind die zentralen Ergebnisse des Reports.
"Diese Zahlen sind alarmierend, denn für jedes zweite Unternehmen in Deutschland sind ausländische Studierende mittlerweile wichtig, um den eigenen Fachkräftebedarf zu decken, Tendenz steigend", erläuterte McKinsey-Direktor Jürgen Schröder die Ergebnisse einer für den Report erstellten repräsentativen Umfrage unter 230 Unternehmen in Deutschland.
Der SV teilt weiter mit: Es könnten bei gleich bleibenden Bildungsausgaben dem deutschen Arbeitsmarkt jährlich rund 10.000 Fachkräfte mehr zur Verfügung stehen. Dazu müssten die Studienabbruchquoten auf das Niveau der deutschen Studienanfänger (also auf weniger als 30 Prozent) gesenkt und die Verbleibquoten für alle Ausländer auf das Niveau von EU-Ausländern in Deutschland (52 Prozent) gesteigert werden.
Bildungstransitland ist nicht das Ziel
Volker Meyer-Guckel, der stellvertretende Generalsekretär des SV, sagt: "Deutschland ist ein Bildungstransitland. Wir investieren viel Geld in ausländische Studierende, tun aber zu wenig, um diese erfolgreich zum Studienabschluss zu führen und sie zum Verbleib in Deutschland zu motivieren.“ Der Handlungsbedarf sei dringend, da aktuellen Prognosen zufolge 2025 vier von zehn Studienanfängern einen ausländischen Pass haben werden. "Deutsche Hochschulen sind bereits jetzt ein wichtiges Zuwanderungsinstrument", so Meyer-Guckel, weiter. Notwendig sei nun, sie zum Baustein einer gemeinsamen Zuwanderungsstrategie von Bund und Ländern weiterzuentwickeln, die sich auch an den Bedarfen des Arbeitsmarkts ausrichtet. Gelingen könne dies durch ein neues Finanzierungsmodell, mit dem der Bund Hochschulen dauerhafte Anreize für eine qualitätsorientierte Gewinnung ausländischer Studierender und einen erfolgreichen Studienabschluss setzt.
Quellen
http://www.stifterverband.org/presse/pressemitteilungen/2015_06_03_hochs...