Das Büro für Wissenschafts- und Technologiepolitik des Weißen Hauses stellt in einer Argumentation „Investing in America’s Future through R&D, Innovation, and STEM Education: The President’s FY 2016 Budget” folgende Aktionsfelder in den Mittelpunkt: „Continuing the commitment to world-class basic research; preparing students with STEM skills; advancing precision medicine; combating antibiotic resistance; investing in innovation; investing in homegrown clean energy; taking action on climate change; making America a magnet for jobs and investing in innovation for national security.”
Das hält amerikanische Wissenschaftler mehrheitlich in Diensten des MIT – Massachusetts Institut of Technology, Boston – aber nicht von ihrem jüngsten Weckruf ab. Dieser kommt auf 52 Seiten daher. Mit einer gewissen Signalwirkung wird die Analyse vom Washington-Büro des MIT herausgegeben.
Keine Kritik ohne Beispiele. Vier wichtige Forschungsleistungen 2014 seien – mahnen die Wissenschaftler – ohne wesentliche US-Beteiligung hervorgebracht worden. Zwei gehen auf die Forschung innerhalb der Europäischen Union zurück, in der Kometenerforschung (Raumsonde Rosetta und Philae) und der Teilchenphysik (Entdeckung des Higgs-Boson am CERN); China könne ein Erfolg in der Pflanzenbiologie zur Verbesserung der Nahrungsproduktion und einer beim Supercomputing zugeschrieben werden.
Zeitliche Rückschläge – Änderungen von Karrieren
Unter dem Titel „The future postponed - why declining investment in basic research threatens a U.S. innovation deficit” analysieren die 30 Autoren die Situation. Die Schlussfolgerung ist zugleich ein Appell: „This central role of federal research support means that sudden changes in funding levels such as the recent sequester can disrupt research efforts and cause long term damage, especially to the pipeline of scientific talent on which U.S. research leadership ultimately depends.“
Die finanziellen Rückschritte haben nach Meinung der Forscher talentierte Forschungsstudenten, die nach amerikanischer Regel bereits mit ihrem Masterstudium in den Wissenschaftsprozess eintreten, und engagierte Nachwuchsforscher veranlasst, Karrierealternativen außerhalb der Grundlagenforschung zu suchen. Projekte der Senior Scientists seien verzögert und die Arbeit in Instituten erschwert, nicht wenige gestoppt, zumindest aber zeitlich zurückgeworfen worden.
Der Bericht fordert drei Dinge: erstens eine verlässliche Steigerung des öffentlichen Budgets der Grundlagenforschung; zweitens eine strategische Investition in Themen, die einen Beitrag zur Lösung von Herausforderungen leisten (Gesundheit, Energie und Hightech-Industrien) sowie drittens ein Engagement auf den Feldern, wo die US-Vormachtstellung gefährdet sei, in der IT-Sicherheit, dem Supercomputing und nationaler Verteidigungstechnologien. Nicht zuletzt wünschen sich die Wissenschaftler wieder nationale Leitsternprojekte – so etwa eine Anstrengung in der Exploration des Weltraums.
Die Achillesferse wird in der Wirtschaft gesehen. Sie hat traditionell in den USA – ebenso vergleichbar mit Deutschland – den Großteil der FuE-Ausgaben zu schultern. Diese Tradition ersetze aber nicht die öffentlich finanzierte Grundlagenforschung. Denn es heißt kritisch im MIT-Bericht: “…today, as competitive pressures have increased, basic research has essentially disappeared from U.S. companies, leaving them dependent on federally-funded, university-based basic research to fuel innovation. This shift means that federal support of basic research is even more tightly coupled to national economic competitiveness.”
Apples rasanter Aufstieg und IBMs frühere Marktdominanz
Die Wirtschaft als einen verlässlichen Investor von FuE und auch der Grundlagenforschung zu kalkulieren, das ist den MIT-Autoren zu unsicher. Diese Position unterstreicht eine seit längerem laufende Diskussion, die ihren Niederschlag in der Berichterstattung der US-Medien findet. Experten hinterfragen den heutigen Anteil von echten Innovationen am Firmenwert vieler großer Unternehmen, die auf Forschungsleistungen zurückgehen. Eine Strategieanalyse der New York Times (NYT, April 26, 2015) zeigt das exemplarisch.
Der Vergleich der Giganten Apple und IBM ist Jeff Sommer wichtig. Er ist nicht sicher, ob Apple auf Dauer ganz oben stehen wird. Der Autor zieht hierzu den Star der 80er Jahre heran und formuliert n seinem NYT-Beitrag: „Apple won´t always rule. Just look at IBM.“
IBM hatte 1985 mit gut 200 Milliarden Firmenwert mehr Dominanz als Apple heute: 6,4 Prozent des gehandelten Aktienwertes konnte IBM für sich verbuchen (gemessen am Standard & Poor Dow Jones Index). Apple ist heute mit rund 800 Milliarden vier Mal größer als IBM damals. Aber die Smartphone-Schmiede erreicht damit nur 4,1 Prozent des gesamten Aktienvolumens.
Berücksichtig wird vom Autor der explosionsartig gewachsenen Aktienmarkt, der bei dem Vergleich 1998-2015 herangezogen werden muss. Es wird aber auf einen anderen Aspekt verwiesen: IBM habe ein wissenschaftlich begründetes Prestige gehabt. 1987 seien – so Sommer – zwei in Zürich arbeitende IBM-Wissenschaftler mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Damit sei eine IBM-Strategie belohnt worden, die den Firmenerfolg aus einer Verankerung in der wissenschaftlichen Grundlagenforschung langfristig aufgebaut habe. Das sei bei Apple und vergleichbaren Firmen heute anders.
Im Handelsblatt-Gastkommentar (March 25, 2015) warnt auch Robert Atkinson. Der Präsident der Information Technology and Innovation Foundation, einem gemeinnützigen Think Tank in Washington D.C., schreibt: „Die Mär von der `Renaissance´der US-Industrie legt nahe, dass wir nur auf die Kräfte des Marktes zu vertrauen bräuchten, damit alles wieder gut wird. Das verschleiert die Notwendigkeit harter politischer Entscheidungen, um das verarbeitende Gewerbe tatsächlich wieder in Fahrt zu bringen.“
Die Vorschläge der Stiftung für die USA lauten: niedrige Steuerquote, steuerliche Entlastung für FuE, mehr Unterstützung für öffentlich-private FuE-Partnerschaften und eine Antwort auf die merkantilistische Politik der ausländischen Konkurrenz – damit ist vorrangig China gemeint.
Krise der Kreativität
Noch tiefer analysiert Roberta Ness. Sie ist die Vize-Präsidentin für Innovation an der Texas Universität, Houston. Auf Basis ihres Buchs „The Creativity Crisis: Reinventing Science to Unleash Possibilities (Oxford University Press, 2015) warnt sie ähnlich ihrer MIT-Kollegen vor der amerikanischen “Science´s Creativity Crisis”.
Ness schreibt im Chronicle of Higher Education (January 16, 2015, Chronicle Review): “We´re plagued by Alzheimer´s disease, emerging infections, cancer, preterm birth, and obesity. We´re pretty good at micro-innovation, but we lack the vision, the ambition, and the strategy for the revolutionary innovation that these problems demand.”
Nach wie vor hohe Gesamtleistung
Zu der Kritik gehört aber auch ein Blick auf die nach wie vor hohe Gesamtleistung der USA in FuE. Der Dienst Kooperation International stellt hierzu im Februar die aktuellen Daten (2012-13) zusammen und führt aus, dass sich die FuE-Gesamtausgaben auf rund 450 Milliarden Dollar pro Jahr bewegten. Der weitaus größte Anteil der Forschungsausgaben werde mit rund 60 Prozent von der Industrie aufgewendet. Die öffentliche Hand trage zu FuE etwa 30 Prozent bei.
Weitere Eckpunkte seien: In den letzten 30 Jahren sei mindestens die Hälfte der bundesstaatlichen FuE-Mittel in Projekte und Forschungen zur militärischen Verteidigung geflossen, gefolgt von der Gesundheitsforschung.
Es heißt abschließend: „Die USA sind weiterhin das weltweit führende Land bei der Förderung von Forschung und Entwicklung. Die inneramerikanische Diskussion um die technologische Wettbewerbsfähigkeit der USA ist jedoch von der Wahrnehmung geprägt, dass die jahrzehntelange amerikanische Dominanz in Wissenschaft, Forschung und Entwicklung zunehmend schwindet und große Anstrengungen erforderlich sind, um die Stellung Amerikas zu behaupten. Insgesamt ist zwischen 1999 und 2009 der U.S.-Anteil an den globalen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung von 38 auf 31 Prozent gesunken.“
Das wollen unter anderem die MIT-Forscher nun nicht mehr hinnehmen.
Quellen:
Budget 2016 https://www.whitehouse.gov/sites/default/files/microsites/ostp/ostp_fact_sheet_2016_budget.pdf
MIT-Analyse
http://dc.mit.edu/sites/default/files/innovation_deficit/Future%20Postponed.pdf
Kooperation International
http://www.kooperation-international.de/buf/usa/bildungs-forschungs-und-innovationslandschaft/forschungs-und-innovationslandschaft.html#c22801